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Kommentarspalten richtig lesen

Fünf Materialien zu Abwertung, Gruppenzuschreibung und dem Eindruck von Mehrheit

Immer wieder passiert es, dass einzelne meiner Beiträge auf Instagram, Facebook und anderen kommerziellen sozialen Netzwerken plötzlich in einer rechten Kommentar-Bubble landen. Innerhalb weniger Stunden sammeln sich dann Hunderte Kommentare – viele davon spöttisch, abwertend, entmenschlichend, teilweise auch mit Gewaltbezug.

Bei einem solchen Fall habe ich mir die Mühe gemacht, die Kommentarspalte nicht nur zu moderieren, sondern systematisch auszuwerten: Welche Muster wiederholen sich? Wie funktionieren die Abwertungen sprachlich? Welche Kombinationen treten besonders häufig auf? Und was macht eine solche Masse ähnlicher Kommentare eigentlich mit der Wahrnehmung der Menschen, die nur mitlesen?

Aus dieser Fallanalyse sind fünf Materialien für Workshops, Vorträge und Bildungsarbeit entstanden.

Wichtig ist dabei: Das ist keine repräsentative Untersuchung sozialer Medien und keine Aussage darüber, wie „die Gesellschaft", „die Rechte" oder irgendeine andere große Gruppe insgesamt kommuniziert. Ausgangspunkt sind 317 feindselig-abwertende Textkommentare aus einer konkreten dokumentierten Facebook-Kommentarspalte. Die Materialien untersuchen also einen Fall – systematisch genug, um darin wiederkehrende Kommunikationsmuster sichtbar zu machen.


1. Aus einer Position wird ein Menschentyp

Eine politische Zuordnung beschreibt zunächst eine Position. Problematisch wird es dort, wo aus dieser Zuordnung plötzlich vermeintliche Eigenschaften des ganzen Menschen abgeleitet werden.

Im untersuchten Material enthielten 83 von 317 Kommentaren politische Outgroup-Markierungen. Besonders häufig waren sie mit Entmenschlichung oder persönlicher Herabsetzung verbunden. Aus „gehört politisch zu X" wird dann sinngemäß „ist als Mensch so".

Der erste One-Pager fragt deshalb:

Wird hier tatsächlich eine politische Aussage kritisiert – oder werden Menschen aufgrund einer zugeschriebenen Position mit gemeinsamen Eigenschaften versehen?

Die zweite Seite enthält anonymisierte Originalkommentare unterschiedlicher Intensität und einen Arbeitsauftrag zur Mustererkennung.

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2. Aus Verschiedenheit wird eine Rangordnung

Ein zweites Muster verbindet politische oder äußerliche Zuschreibungen mit Annahmen über Arbeit, Einkommen und Sozialleistungen.

Menschen werden zu Arbeitslosen, Bürgergeldempfängern oder „Arbeitsscheuen" erklärt, obwohl über ihre tatsächliche Lebenssituation nichts bekannt ist. Entscheidend ist dann der nächste Schritt: Aus vermeintlich fehlender Leistung wird fehlende „Nützlichkeit" – und daraus eine moralische Bewertung des Menschen.

Das Motiv Arbeit/Transfer trat in 44 der 317 untersuchten Kommentare auf; in 13 Fällen war es mit Entmenschlichung verbunden.

Die zentrale Frage lautet:

Wird hier über tatsächliches Verhalten gesprochen – oder wird wirtschaftliche „Nützlichkeit" zum Maßstab dafür gemacht, wie viel Respekt ein Mensch verdient?

Kurz gesagt: Menschenwürde ist keine Leistungsprämie.

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3. Nicht widersprechen – den Sprecher entwerten

Eine Aussage lässt sich kritisieren: Man kann nach Belegen fragen, Widersprüche zeigen oder Gegenargumente formulieren.

Man kann die Auseinandersetzung aber auch umgehen, indem man die Person selbst für dumm, ungebildet, irrational oder „krank" erklärt.

118 von 317 Kommentaren enthielten persönliche Herabsetzungen, 38 Kompetenzabwertungen und 28 Psychologisierung oder Pathologisierung.

Der Mechanismus ist einfach: Wenn der Sprecher erst als grundsätzlich unfähig markiert wurde, scheint man sich mit seiner Aussage nicht mehr beschäftigen zu müssen.

Eine überraschend nützliche Frage für Kommentarspalten lautet deshalb:

Wo ist eigentlich das Gegenargument?

Denn eine Abwertung der Person macht ihre Aussage weder wahr noch falsch.

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4. Der Kommentar gilt auch dem Publikum

Nicht jeder aggressive Kommentar ist tatsächlich ein Gesprächsangebot.

Öffentliche Kommentarspalten haben immer auch ein mitlesendes Publikum. Spott, Verballhornungen, bekannte Codes und gemeinsame Feindbilder können deshalb gleichzeitig zwei Funktionen erfüllen: jemanden abwerten – und anderen signalisieren, zu welchem Lager man gehört.

In 54 Kommentaren wurde solche performative Ingroup- oder Spottkommunikation codiert. Hinter ihnen standen 49 unterschiedliche Accounts; das Muster lässt sich also nicht auf einzelne Vielschreiber reduzieren.

Die Orientierungsfrage verändert deshalb auch mögliche Reaktionen:

Für wen ist dieser Kommentar eigentlich gemacht?

Vielleicht muss eine Antwort gar nicht den Kommentierenden überzeugen. Sie kann sich ebenso an diejenigen richten, die still mitlesen.

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5. Wenn die Kommentarspalte selbst zur Botschaft wird

Der fünfte Teil wechselt die Perspektive vom einzelnen Kommentar zur gesamten Kommentarspalte.

In unserem Fall standen hinter den 317 feindselig-abwertenden Kommentaren 258 unterschiedliche Accounts. 220 davon schrieben nur einen einzigen solchen Kommentar. Wir sehen also tatsächlich eine Häufung vieler Stimmen – trotzdem ist eine Kommentarspalte keine Bevölkerungsstichprobe.

Gleichzeitig kann die Masse unsere Wahrnehmung beeinflussen. Wer dieselben Aussagen und Abwertungen immer wieder liest, kann leicht vom Eindruck

„Das sehe ich ständig"
zu „Das denken offenbar viele"
und schließlich zu „Das scheint wohl normal zu sein" gelangen.

Der abschließende One-Pager verbindet deshalb die vier vorherigen Mechanismen mit einem einfachen Orientierungsrahmen:

Erkennen. Einordnen. Entscheiden.

Und mit drei Sätzen, die man beim Lesen von Kommentarspalten im Hinterkopf behalten kann:

Sichtbarkeit ist keine Mehrheit.
Wiederholung ist keine Wahrheit.
Abwertung ist kein Argument.

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Material für die Bildungsarbeit

Die fünf Materialien sind für den Einsatz in Workshops, Unterricht, Fortbildungen oder Vorträgen gedacht. Sie können einzeln verwendet oder als kleine Einheit aufgebaut werden.

Die ersten vier bestehen jeweils aus einer Analyseseite und einer zweiten Seite mit anonymisierten Originalbeispielen und Arbeitsfragen. Teil 5 bündelt die Ergebnisse und richtet den Blick darauf, wie Sichtbarkeit, Wiederholung und Masse selbst wirken können. Die Materialien sind als OER gekennzeichnet und können entsprechend der auf den Dokumenten angegebenen Lizenz genutzt werden.

Lies nicht nur die Kommentare. Lies das Muster.

Vielleicht helfen die Materialien dabei, Kommentarspalten ein kleines Stück besser einzuordnen – und Masse, Wiederholung oder persönliche Abwertung nicht mit Mehrheit, Wahrheit oder Argumenten zu verwechseln.

Auf meinem Instagramkanal @mertengiesen gibt es zu den fünf Materialien auch kleine erklärende Reels.

Alle Materialien sind unter CC-BY-NC-SA Lizenz als OER-Material frei verwendbar.
(c) Merten Giesen 2026




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